Verspätete Erinnerungen

Lieber Thomas,

oft denke ich an die Zeit damals zurück. Und als ich heute eher zufällig über das Onlinebuch zum 25 Jubiläum stolperte (lieber spät als nie) und dies mit großer Freude, einem Schmunzeln und hier und da auch einem melancholischem Seufzen las, kamen wieder viele Erinnerungen hoch.

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, was zuerst war, die Gaukler oder Tranquilla Trampeltreu, aber was mir auf jeden Fall noch bis heute in Erinnerung blieb sind das tolle Team: Belli (die kleine Süße), Guggi (der immer Ruhige), Webster (der immer Lustige), Traudl (nicht immer dabei aber immer ein wärmespendender Ruhepol) und Du (bei dem alle Fäden zusammen liefen) sowie Namen und Gesichter wie die Hackers, die Nells, die Röhrles, Tobi und Basti und natürlich auch meine Schwester und ich. Auch wenn ich leider zu fast allen den Kontakt mittlerweile verloren habe, so sind das doch Namen, die meine Jugend prägten.

Ich weiß noch, wie ich mit Martin Hacker, der auf so einer komischen Wippe stand und sich dabei sichtlich unwohl fühlte, als Chinesen geschminkt den Flohzirkus präsentierte. Oder an Bastis Gewand, das während der Zauberaufführung in Flammen aufging aber schnell und fast schon "nebenbei" von einem Vater aus dem Publikum durch beherztes Austrampeln gelöscht wurde.

Auch an Tranquilla Trampeltreu kann ich mich noch erinnern. Insbesondere, wie ich damals mit meinem viel zu großem Akkordeon auf dem Bühnenrand saß und gespielt habe.

An die eigentliche Geburtsstunde, die Namensgebung "Kraut und Rüben" habe ich nur noch schemenhafte Erinnerungen. Ich meine mich erinnern zu können, dass wir im JuZe Kaufbeuren vor großen auf dem Boden ausgerollten Papierlagen saßen und einfach spontan Namensvorschläge drauf schreiben sollten. Da waren auch zwei Brüder dabei (Thomas und Thorsten oder so ähnlich?!), die "Kraut und Rüben" vorschlugen....Aber das sind nur noch Gedankenfetzen. Wenn ich damals gewusst hätte, was sich daraus entwickeln würde, wäre mir dieser wichtige Moment sicher besser in Erinnerung geblieben...

An was ich mich wieder sehr gut erinnern kann, sind die Umzüge in die Lebenshilfe und Studio Lichtblick. In ersterem die Hüpfburg (Mensch, war das ein Highlight!!) in letzterem besonders die Abschlüsse unter der großen Fallschirmblase. Oh, und das Horrortrio um Jo, Nelli und mich sowie Dein Versuch, uns in einem erzieherischem Gespräch in einem Nebenraum der Lebenshilfe zur Besinnung zu bringen. Es endete doch in einem herzhaftem und großem Lachen... Oh Gott, was waren wir für Horrorkids und mit welcher Ruhe, Geduld und Freude habt ihr uns nicht nur ertragen sondern uns eine tolle Zeit beschert...

Ich erinnere mich noch an die Auftrennung in die Kräuter und die Rüben, dass ich damals ein wenig eifersüchtig war, nicht bei den Rüben gewesen zu sein, im Nachhinein aber doch irgendwie dankbar. Ganz besonders als es zu Peter Pan kam.

Das war für mich eines der Highlights: Die verlorenen Jungs, mein Fechtunterricht und, dass ich als einziger der verlorenen Jungs ein Fechtduell mit Captain Hook hatte. Die Wahnsinnskulisse, die drehenden Wände und das Schwarzlicht...Wow... Die GENIALE Musik von Guggi; einige der Melodien habe ich noch heute im Ohr!

Auch weiß ich noch, wie in der Generalprobe plötzlich einer der verlorenen Jungs mitten im Stück ausfiel (war es Flo Hauke?!) und wir anderen spontan seinen Text übernahmen. Webster saß ganz hinten im Stadttheater als "Gesamtaufsicht", und ich erinnere mich noch an seine Worte, dass dieser Moment eine "Sternstunde" gewesen sei. Mann, was waren wir stolz!

Überhaupt, das Stadttheater. Das war immer etwas besonderes. Neben Peter Pan kann ich mich noch an meine Gekrächzeinlagen als Geist, meinen Grillaufbau als Vater mit langen Haaren und mit ekligem und schwerlöslichem Kleber angebrachten Schnauzbart (oh, war es Ben liebt Anna?!) oder meinen Sprung in den Orchestergraben bei diesem Mäusestück erinnern. Den Titel weiß ich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass Jo, die Hitlermaus spielte und ich die gute Maus; und an die schwierige Proberei meiner Kussszene mit Julia (so hieß sie doch?) kann ich mich auch noch dunkel erinnern.

Die genialsten Erinnerungen habe ich natürlich an Hagspiel!

Die Batman Aufführung, die Schattenaufführung unserer Verarbeitung mit der gesichteten Maus im Schlafraum, die Playback-Show, die legendären Wasserschlachten (die später leider verboten wurden), die genialen Geisterspiele (ich sage nur "Noch 10 Glasen!"), die Tenne (was habe ich sie geliebt), die Erkundung des Kanalrohres vor dem Haus, die Ausflüge zum Wasserfall und den Song "In der Schweiz, in der Schweiz, ja da ist es wunderschön...".

Und natürlich den Mördermorser. Beim Durchlesen der Chronik musste ich ja echt schmunzeln, dass dieser sich bis heute als Legende hält. Und insgeheim bin ich ein wenig stolz darauf, dass ich ihn als erster (und vermutlich einziger) gesehen habe. Ich glaube Christopher Nell hat ihm schließlich seinen Namen gegeben. Auf jeden Fall weiß ich noch, wie wir schließlich die Mördermorserhütte zusammen mit Webster erkundet haben.

Auch kann ich mich noch erinnern, dass wir Kinder einmal einen Gespensterparcour für euch aufbauen wollten und es auch getan haben. Meine Aufgabe war es, euch zum Dreiländerblick zu führen und in die Geschichte um das Dingelchen des Priesters einzuweihen.

Als weiteres Highlight an Aufführungen fällt mir die Dreigroschenoper ein. Das war auch der Zeitpunkt, wo ich defintiv die Seite der Darsteller verließ und auf die Seite der Musiker wechselte. Die Bühnenmusik als Bettler, das hat Spaß gemacht. Und der Moment, als aus Versehen das ganze Licht, inklusive unserer Pultleuchten ausgeblendet wurde und ich im Stockdunkeln alleine weiter spielen musste...

Die Zeit als Musiker habe ich fast noch mehr genossen, als meine eher kleineren und mäßigen Auftritte als Darsteller. Ganz besonders großartig fand ich den kleinen Horrorladen (auch wenn das nicht direkt Kraut und Rüben war). Und das erste mal war ich verantwortlich für die Musiktruppe im Orchestergraben. Das hat unfassbar viel Spaß gemacht!

Es folgten noch die Gesangsaufführungen. Bis heute erinnere ich mich an meine verhasste Leningrad-Cowboys-Gedächtnis-Frisur und die Tortur, diese zu Hause wieder los zu werden.

Die zweite Aufführung mit der Gesangsklasse im Stadttheater war dann leider auch mein letztes Mitwirken. Danach verließ ich Kraut und Rüben bzw. die Kulturwerkstatt, einerseits, weil das Berufsleben startete und ich deswegen umzog, andererseits, weil ich damals fand, dass Kraut und Rüben nicht mehr das war, was es einmal war: Eine kleine, feste Chaotentruppe, die immer viel Spaß hatte, die Proberei nie ernst nahm und sich dennoch immer wieder, insbesondere kurz vor knapp, am Riemen riss und tolle Aufführungen auf die Beine stellte. Das schnelle und für mich damals unübersichtliche Wachstum der Kulturwerkstatt, das war nicht mehr mein kleines und geliebtes Kraut und Rüben, und daher war es, neben den Veränderungen in meinem Leben, Zeit für mich zu gehen.

Und trotzdem muss ich sagen, bin ich irgendwie Stolz darauf, was aus alledem heute geworden ist, wie lange sich das gehalten hat und dass ich ein Teil des Ganzen war. Kraut und Rüben ist für mich eine der tollsten Erinnerungen, die ich nicht missen möchte!

Dir lieber Thomas danke ich, für ein wichtiges und wunderbares Stück meiner Kindheit und Jugend!

Ich wünsche Dir und der Kulturwerkstatt weiter alles Gute!

 

Martin Jankovsky