Die Geschichte des blauen Pferdes

Phantasie
Phantasie

„Fantasie“ mit „F“ nicht „PH“ wie fantasielos! Oder heißt es phantasielos?

 

Ich jedenfalls fand das „PH“ immer schöner. Das „F“ sieht irgendwie nüchterner aus. Das passt gar nicht zu diesem Wort…“, murmelt die Frau im rosa Schal. Ihre Nase ist ganz platt gedrückt, denn um besser sehen zu können, steht sie ganz dicht an der Fensterscheibe der Kulturwerkstatt und blickt neugierig ins neu gestaltete Foyer.

Der kleine, dicke Mann, direkt neben ihr, mit dem sie gerade aus dem Tanzkurs gekommen ist, weiß es natürlich wie immer besser:

„Die neue Rechtschreibung…!“ Ehe er weiter sprechen kann, lässt er sich von einem seltsam grünlich leuchtenden Schmetterling ablenken. Dieser hatte sich auf dem Brunnen niedergelassen, war wie von Geisterhand durch die Schaufensterscheibe geflogen (jawohl! „DURCH“! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!) und löste sich auf der gegenüberliegenden Seite direkt über dem „Blumen Fürst“ - Schriftzug in hunderte von klitzekleinen Sternchen und Zeichen auf, die noch lange glimmten und funkelten…

„Ich glaube ich spinne!“, sagte Frau „Rosa“.

„Alles nur Projektionen! Sauteure Technik! Nichts anderes!“ grummelt er.

„Die müssen ja Geld haben!“ – „Ich finde ja überhaupt dieses „F“ völlig unangebracht. Typisch für unsere Zeit. Alles nüchtern und klar. Kein einziger Schnörkel… Wo bleibt denn da die Phantasie mit „PH“? – Ach in dieser Zeit ist doch sowieso alles so phantasielos. Schau’n sie sich die Jugendlichen doch heute mal an. Völlig ohne jegliche Phantasie…“

Es ist ganz ruhig geworden auf der Ganghoferstrasse. Ganz leicht scheint sie tiefblau zu schimmern, genau so wie die blauen Wandflächen im Schauburg-Foyer. Plötzlich ein Pferdegetrappel, ein türkisblauer Schimmel, Entschuldigung! Schimmer! Und dann ein Wiehern! Die beiden haben gar nicht bemerkt, dass ein blaues Pferd direkt vom Kulturwerkstattdach geflogen kam und sich in ihr Gespräch einmischt:

„Gestatten! Ludwig mein Name! – Sie können mich ruhig duzen… Aber ich muss mich hier mal einmischen!“

Keiner scheint verwundert, keiner scheint sich an dieser Erscheinung zu stören. Wie Sterne, angezogen von einem schwarzen Loch, kreisen sie jetzt um die seltsamen Formeln und Zeichen, die da an der Wand geschrieben stehen.

„Wie ist mir?“, seufzt Frau Rosa. Der kleine, dicke Mann hält ihren rosa Schal wie ein Mikrophon und spricht hinein:

„Test! Test! Dies ist eine wichtige Durchsage! Albert Einstein sagte schon zu seiner Zeit folgenden wichtigen Satz (er räuspert sich und seine Stimme scheint schon lange nicht mehr seine eigene zu sein, denn sie klingt nicht mehr nach Belehrung und Ordnung):“ PHANTASIE ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt!“

Das Pferd nickt und klopft ihnen auf die Schulter. Sie erschrecken und reißen die Augen auf, als wären sie gerade aus einem Traum aufgewacht. Es versucht die beiden zu beruhigen und streicht ihnen über das Haar, das jetzt blond schimmert, und wispert: „Jahahaaaaaaa! So ist das! Fantasie ist unendlich! – ob mit „F“ oder „PH“- völlig egal. Du musst es nur zulassen und dich auf die Reise begeben…!“

„Keine Zeit für solche Reisen! – Ist ja kaum Zeit für nen gemeinsamen Urlaub!“, schimpft Frau Rosa. Sie scheint jetzt völlig klar im Kopf und es friert sie. Sie nimmt dem Mann den Schal aus der Hand und wickelt ihn sich um. Er hat jetzt den Kopf eines Kätzchens angenommen und schnurrt sie mit großen Kulleraugen an. Sie schlägt ihm auf den Kopf und ruft: “Keine Zeit für solche Spielchen, keine Zeit für unendliche Fantasie!“ – „PHANTASIE“- „Ist mir gleich. Hab genug mit mir zu tun.“

Das Blaue Pferd Ludwig ist mittlerweile dunkelblau geworden: „Schade! Dass Ihr nicht mitkommt!“

Man müsste doch einfach nur hinein gehen, sich anstecken lassen, mit allen Sinnen erleben und Zeit haben für sich und seine Fantasie. Oft heißt es, wir hätten sie längst verlernt, unsere Fähigkeit zu träumen und zu fantasieren. Mann Mann Mann! „FANTASIE IST UNENDLICH“

Lasst es uns wieder versuchen und gemeinsam los fliegen in andere Welten. Dann können wir auch in unserer eigenen wieder etwas bewegen…

Der kleine, dicke Mann hat seinen Mantel hochgeschlagen und schaut das Pferd nur verständnislos an. „Es ist kalt! Wir müssen los!“

Das Pferd erhebt sich langsam wieder in die Lüfte und streift die beiden leicht von der Seite. Ganz scheinen sich die Zwei aufzulösen, in kleine Sternchen und Zeichen und Formeln. Und dann sind sie für immer verschwunden…

Wenn Du genau hinschaust, kannst Du es manchmal sehen, das blaue Pferd, wenn es auf dem Dach der Kulturwerkstatt herumläuft.

Vergiss nie seinen Namen und nimm Dir viel Zeit, wenn es Dich anspricht…

…denn Fantasie ist unendlich

Thomas

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