Lebenshilfe und Klinikum kämpfen für ein Sozialpädiatrisches Zentrum in Kaufbeuren

Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen und schweren Behinderungen benötigen großen Zuspruch und intensive Betreuung. Für Eltern sind Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) eine wichtige Anlaufstation, gerade im ländlichen Raum Schwabens besteht derzeit eine Unterversorgung. Doch ein SPZ in Kaufbeuren wurde in erster Instanz durch den Zulassungsausschuss abgelehnt. Klar für ein SPZ plädieren (v.l.) stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Stephan Stracke, Ralf Grath, Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu, Susanne Sigva, betroffene Mutter, Wolfgang Neumayer, 1. Vorsitzender der Lebenshilfe Ostallgäu und Prof. Dr. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Kaufbeuren.
Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen und schweren Behinderungen benötigen großen Zuspruch und intensive Betreuung. Für Eltern sind Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) eine wichtige Anlaufstation, gerade im ländlichen Raum Schwabens besteht derzeit eine Unterversorgung. Doch ein SPZ in Kaufbeuren wurde in erster Instanz durch den Zulassungsausschuss abgelehnt. Klar für ein SPZ plädieren (v.l.) stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Stephan Stracke, Ralf Grath, Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu, Susanne Sigva, betroffene Mutter, Wolfgang Neumayer, 1. Vorsitzender der Lebenshilfe Ostallgäu und Prof. Dr. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Kaufbeuren.

Dezentrale Versorgung für chronisch kranke Kinder und Jugendliche im südlichen Schwaben ist dringend nötig. Zulassungsausschuss blockiert.

Dezentrale und wohnortnahe Versorgung unter einem Dach für betroffene Familien in der Region: Seit über drei Jahren bemühen sich die Lebenshilfe Ostallgäu und das Klinikum Kaufbeuren gemeinsam um die Trägerschaft eines Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in Kaufbeuren. Der Antrag für eine solche Einrichtung wurde nun durch den Zulassungsausschuss, der paritätisch mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen besetzt ist, in erster Instanz abgewiesen. Die Begründung: Der Bedarf sei nicht ausreichend, Wartezeiten und Anfahrtswege für Familien aus der ländlichen Region zumutbar. Dem entgegen halten die Lebenshilfe und das Klinikum eine Versorgungsregion des geplanten SPZ von mehr als 720.000 Einwohnern. Für ganz Schwaben besteht rein rechnerisch der Bedarf für vier SPZ. Vorhanden sind derzeit aber nur zwei – eines in Augsburg und eines in Memmingen.

„Wirtschaftlich, personell und qualitativ könnten wir sofort mit einem solchen Fachzentrum hier in Kaufbeuren starten,“ beschreibt Prof. Dr. Markus Rauchenzauner, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum, die vorhandenen Rahmenbedingungen. Die Nachfrage von Betroffenen Familien sei immens. „Derzeit warten Betroffene bis zu 16 Monate auf einen Termin bei einem vorhandenen SPZ.“ Ebenso haben sich mit dem Klinikum Kaufbeuren und der Lebenshilfe Ostallgäu zwei starke Partner gefunden, die bereits jahrelang gemeinsame Projekte umsetzen. Wolfgang Neumayer, 1. Vorsitzender der Lebenshilfe, verdeutlicht: „Wir wissen, was Kinder und Jugendliche mit einer Beeinträchtigung benötigen.“

Für den stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Stephan Stracke hält sich der Zulassungsausschuss sehr eng an rechtliche Vorgaben. „Formell steht die Begründung, dass Fahrzeiten für Familien aus ländlichen Regionen von bis zu zwei Stunden zu einem der bestehenden SPZs zumutbar sind. Doch die Realität bringt für die Betroffenen unzumutbare Herausforderungen mit sich.“ Susanne Sigva, Mutter von Zwillingen, die als Extremfrühchen geboren wurden, schildert deutlich, wie ein „Ausflug“ zu einem SPZ derzeit aussieht: Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln haben Betroffene aus dem ländlichen Raum keine Chance, an ein SPZ zu gelangen. „Haben Sie schon einmal versucht, mit einem Zwillings-Spezialwagen und zusätzlicher Sauerstoffversorgung Bahn zu fahren?“. Selbst mit einem Auto sei für einen Termin in einem SPZ mindestens ein Tag einzuplanen. „Ohne dass noch eine weitere Person mitkommt, können Termine nicht organisiert werden.“ Für Susanne Sigva ist die Absage des Zulassungsausschusses nicht nachvollziehbar: „Hier in Kaufbeuren sind alle Rahmenbedingungen bereits vorhanden. Vielen Familien und betroffenen Kinder könnte zeit- und wohnortnah und unter einem Dach geholfen werden.“

„Im Prinzip sind wir ratlos und können uns die Absage nicht erklären,“ zeigt sich Prof. Dr. Markus Rauchenzauner enttäuscht. Zumal die Fachärzte in der Region ein solches Zentrum ausdrücklich befürworten. Sogar das SPZ in Memmingen steht klar hinter dem Antrag aus Kaufbeuren. Die Verantwortlichen haben nun den Schritt an die Öffentlichkeit unternommen und eine Online-Petition zur Realisierung eines SPZ in Kaufbeuren gestartet. Wolfgang Neumayer, 1. Vorsitzender der Lebenshilfe Ostallgäu und in dieser Funktion Initiator der Petition, ist ebenfalls fassungslos: „Was den betroffenen Familien hier zugemutet wird, ist unglaublich. Die Versorgungsengpässe, die durch lange Wartezeiten entstehen, können später nicht mehr rückgängig gemacht werden.“ Zudem sollte die Stärkung des ländlichen Raums klar umgesetzt werden. „Wenn wir eine Karte des Bezirks Schwaben betrachten, wird doch deutlich, dass im südlichen Raum eine Lücke besteht. Und wir hier in Kaufbeuren haben alle Voraussetzungen, um diese Lücke zu schließen.“

Nachdem die Antragsteller gegen den negativen Bescheid des Zulassungsausschusses Widerspruch eingelegt haben, warten sie nun seit fünf Monaten auf einen Termin beim Berufungsausschuss. Das Vorgehen der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen sei weiterhin undurchsichtig, bemängelt Prof. Dr. Markus Rauchenzauner: “Wir und vor allem die betroffenen Eltern hängen im Prinzip seit drei Jahren in der Luft.“

Online-Petition:

Rund 1.500 Unterschriften hat die Lebenshilfe Ostallgäu bereits gesammelt, jede einzelne Stimme zählt. Für die Realisierung eines SPZ in Kaufbeuren kann online unter www.openpetition.de, Stichwort Lebenshilfe Ostallgäu abgestimmt werden.

Bildnachweis: Andrea Friebel

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